Metaverse – Ist es diesmal anders?

In der Immobilienbranche gibt es den Spruch „This time it´s different!“. Seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten ist bekannt, dass auch bei Immobilien das Geschäft zyklisch ist. Trotzdem wird der Spruch bei jeder Boomphase von Neuem angebracht, als Begründung, wieso diesmal Preise und Immobiliennachfrage in den Himmel wachsen können. Bis zum nächsten Crash. Und Crashs sind bei Immobilien erfahrungsgemäß dramatisch. Deshalb sollte jeder in dieser Branche einen „This time it´s different“-Alarmsensor haben.

Daran muss ich denken, wenn ich im Moment von Metaverseartikeln und -berichten überschwemmt werde. Jeder spricht vom neuen Goldrausch, Unternehmen verkünden reihenweise, jetzt auch ein Metaverse bauen zu wollen. Die üblichen Verdächtigen in der Beratungs- und Prognostikszene legen ihre typischen markigen Aufwärtsprognosen vor und Metaverse-Real-Estate erreicht im NFT-Bereich schon schwindelerregende Höhen. Alles nur, weil jemand sich in Meta umgetauft und versprochen hat, viel Geld in die Hand zu nehmen? Denn: Dieser Metaverse-Rausch ist ja nichts Neues und er ist nicht der erste. Wieso also sollte es diesmal anders sein?

Dazu muss ich etwas ausholen. Denn meine erste Begegnung mit einer Metaverse-Welle ist nicht etwa SecondLife (an was sich ja noch der eine oder andere erinnert). Das geht weiter zurück.

Mitte der neunziger Jahre traf ich staunend auf AlphaWorld, eine 3D-Welt im gerade frisch gebackenen World Wide Web. Eine Welt, in der man mit Avataren herumrennen konnte und mit Leuten aus aller Welt chatten. Unfassbar… Da bildete sich unter meinen Augen ein Metaverse, mit Grundstücken und Tools zum Mitbauen. Und dieses Metaverse von oben sah schon sehr verdächtig wie die heutigen Plots in Metaverses wie Decentraland aus:

Das muss die Zukunft sein, die Zukunft von Wirtschaft, Kommunikation und Lernen dachte ich mir damals unschuldig und schrieb wenig später mit „Digitale Flügel des Geistes“ ein schwelgerisches Buch darüber.

Und AlphaWorld war nicht das einzige Metaverse: In der 3D-Welt von OZ des gleichnamigen isländischen Unternehmens fand schon in den Neunzigern statt, was gerade aktuell in Artikeln als die neue Möglichkeit des Metaverse gehypt wird: Parallele Konzerte auf verschiedenen Kontinenten in der 3D-Welt.

Mark Pesce entwickelte eine Programmiersprache, mit der man virtuelle Welten bauen konnte wie Webseiten, VRML statt HTML. Ein Metaverse, an dem jeder mitprogrammieren konnte (was ich auch freudig tat) und das ein junges Internet direkt in eine VR-Welt transformieren würde. In seinem berauschenden Buch „Building and Browsing Cyberspace“ von 1995 berichtete er von diesem neuen Entdeckungszeitalter.

In dieser Zeit saß ich auch mit Bob Rockwell zusammen, Gründer des Unternehmen Blaxxun (benannt nach der schwarzen Sonne, die im Ur-Roman „Snowcrash“ über dem Metaverse schwebt). Fragte man ihn nach der Motivation Blaxxun zu gründen meinte er US-amerikanisch bescheiden „Ich will das Metaverse wahr werden lassen“. Ekstatische, mitreißende Zeiten waren das.

Avatare in Blaxxun

Bloß wurde nichts draus: Internetblase geplatzt, VR in den Winterschlaf versetzt. Und schon bald erinnerte sich kein Mensch mehr an AlphaWorld (was mittlerweile Active Worlds hieß).

Jahre vergingen und 2003 erschien „etwas völlig Neues“ in der Szene, was prompt weltweit in Business und Presse als die nächste große Sache angepriesen wurde: Second Life. AlphaWorld 2.0 sozusagen, die mindestens zweite Metaverse Welle.

Es muss gesagt werden: Second Life machte vieles richtig. Nicht nur, dass es die Tools zum Erschaffen der Welten zur Verfügung stellte und es schaffte, Millionen an Nutzern zu motivieren. Linden Lab, Schöpfer von Second Life,  startete ein ganzes virtuelles Wirtschaftssystem, indem es mit dem Linden-Dollar, einer frühen Digitalwährung, ermöglichte mit dem Leben im Cyberspace durch das Umtauschen in Dollars „echtes“ Geld zu verdienen. Das ging auch einige Jahre gut. Bis es dann wieder niemanden mehr interessierte. Selbst der Second Life Reisebuchautor (ja, so etwas gab es) Martin Nusch meinte irgendwann, dass er da jetzt nichts mehr aktualisieren würde, weil einfach nichts Neues passiert.

Vorspulen auf die neuen Zwanziger Jahre. Mark Zuckerberg erklärt, das Metaverse bauen zu wollen und schon bricht eine Lawine los. Und erinnert irgendwer zaghaft an Second Life, wird gesagt, dass sich die Technik erst jetzt ausreichend entwickelt hat, um so etwas umzusetzen.

Also zum einen gab es in den letzten Jahren gerade mit Massive Multiplayer Games schon jede Menge Plattformen, um sich in digitalen Welten zu tummeln, wie World of Warcraft, Minecraft, EVE oder Fortnite. Zum anderen kann ich, wenn ich die comicmäßigen und mangalike-stylisierten Demos der neuen Metaverses betrachte kaum einen konzeptionellen Unterschied zu den Avataren der Active Worlds Zeiten sehen. Was genau hat sich da jetzt entwickelt, damit ich an „This time it´s different“ glauben könnte?

Wir wissen aus der Innovationsforschung, dass Durchbrüche im größeren Stil nicht passieren, weil „die Technologie irgendwie weiter“ ist, sondern weil parallel Innovationen in verschiedenen Gebieten stattfinden, die im Zusammenspiel nachhaltigen Wandel bewirken. Was könnten diese Teile sein, die diesmal ein Metaverse durchstarten lassen? Nun, einiges fällt mir da schon ein:

  • Bandbreite, zugegeben. Als ich meine ersten Gehversuche mit VR-Welten machte, waren viele sehr skeptisch, ob wir in absehbarer Zeit überhaupt Video im Web anschauen könnten. Die heutigen Bandbreiten sind für große Userzahlen und hochauflösende Graphik sicherlich mehr als hilfreich.
  • Neue Wege der Vernetzung. Gerade die Cryptowelt zeigt, welche Möglichkeiten es noch so geben könnte, vernetzte Strukturen aufzubauen, in denen Informationen und digitale Güter ausgetauscht werden. Selbst wenn das Metaverse nicht notwendigerweise mit einer Blockchain gebaut wird (andere Ansätze sind deutlich schneller) haben wir neue Tools und Erfahrungen. Man packe gedanklich z.B. ein Unternehmen wie IOTA mit seinem Tangle, über das Maschinen mit Maschinen reden mit einer VR-Welt zusammen. D.h. Sie sehen dann im Metaverse nicht einfach etwas von der Welt Getrenntes, sondern die Dinge in VR repräsentieren Dinge in der Wirklichkeit, die auch noch untereinander koordiniert sind.
  • Dann meine heißgeliebte Virtual Reality, die so langsam wirklich ein bleibender Faktor ist und ein Eintauchen in alternative Wirklichkeiten bietet. Gerade auch in Verbindung mit dem nächsten Punkt.
  • Realtime Rendering. Viele Virtuelle Welten werden heute mit Game Engines entwickelt. Epic Games, die Fortnite betreiben und auch in der Metaverse-Welle aktiv sind, haben mit der Unreal Engine das Tool entwickelt, mit der ich auch meine VR-Welten baue oder computergenerierte Filmsequenzen liefere. Eine der bahnbrechenden Eigenschaften seit einiger Zeit ist Realtime Rendering, d.h. selbst wenn ich in einer computergenerierten Szene etwas wie das Licht verändere, sehe ich das sofort fotorealistisch im Bild, statt wie früher jedes Bild Stunden zu rendern. Das ebnet den Weg zu fotorealistischer Darstellung in der VR-Welt, trotz der sich ständig bewegenden Avatare und sich verändernder Umgebung.

Nur so meine hingeworfenen Ideen…

 

Vielleicht bekommen wir ja doch noch unser Metaverse oder unsere Metaversen. Dann würde ich mir allerdings wünschen, es wäre eine offene Struktur wie das frühe Internet, wie Mark Pesce das mit VRML vorhatte. Nicht die Welt eines Unternehmens sondern eine, an der wir alle mitbauen.

Auch die oft in letzter Zeit verwendete Formulierung, dass das Metaverse unsere normale Welt überlagert entspricht nicht meiner Zukunftsperspektive für die Metaversen. Da sollte kein neuer „Schleier der Maya“ über die Welt gezogen werden.  Die Realität bleibt. Wir bekommen einfach mehr Realität.

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